#DasguteBuch: In aller Kürze – Lydia Davis zwischen Sprache und Wirklichkeit

Das Oeuvre der Amerikanerin Lydia Davis darf durchaus als Faszinosum bezeichnet werden. Ihre lebensfroh tänzelnden Schritte zwischen Sprache und Wirklichkeit sind von bemerkenswert intelligenter Unterhaltungskraft. Die Autorin verfügt über eine eigentümlich anziehende Erzähl-Fähigkeit. Ihre wie Skizzen anmutenden Texte sind von einer Tiefe, die einen oftmals bei der Lektüre staunen lässt.

Wenn etwa der Protagonist der Titelgeschichte sich darüber echauffiert, dass „Schottland so wenige Bäume hat“, erfahren wir etwas Erzählenswertes über ein Land und dessen Charakteristikum, das den Titelhelden emotional beschäftigt und versetzen uns dabei sofort in ein Setting, einen Umstand und in dessen Gefühlswelt. Mit einem Satz. Mehr braucht es in diesem Fall nicht, um einen narrativen Sog zu entfalten.

Der Sammelband präsentiert ein Werk, das sich inhaltlich mit unterhaltsamer Verrücktheit und sprachlich mit bemerkenswerter Klarheit auszeichnet. Inklusive eines interessanten Essays über die Übersetzung einer der Geschichten. Geschichten, die mit Intelligenz eine Brücke zwischen Sprache und Wirklichkeit schlagen. So wie sie eine Verbindung zwischen ihrem Publikum und der Literatur als große Kunst herstellen.

Erschienen im Droschl Verlag

http://www.droschl.com/buch/samuel-johnson-ist-ungehalten/

 

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#DasguteBuch: Die unerklärliche Logik des Lebens – logisch erzählt von Benjamin Alire Sáenz

Ich mochte unsere Familie. Aber vielleicht steckt hinter dem Wort Familie ja überhaupt keine Logik. Um ganz ehrlich zu sein, Familie ist nicht immer so ein gutes Wort. (S. 50)

Das letzte Schuljahr ist beliebtes Sujet für Coming-of-age-Romane jeder Couleur. Für Geschichten, in denen oftmals einerseits manipulativ jugendliche Angst aufgebaut werden soll, was die ungewisse Zukunft betrifft, oder in denen naive Illusionen zu rosaroten Fantasy-Wattewolken werden, in denen junge Menschen vor der Wirklichkeit versteckt werden sollen. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ (Thienemann, 2017) umschifft beide Klippen mit verblüffender narrativer Eleganz. Sal ist der Held dieser bezaubernden Geschichte und taumelt heldenhaft durch die Wirrnisse während seines letzten Schuljahres. Vor allem seine beste Freundin Sam hilft ihm dabei, nicht zu stolpern. Während auch er immer für sie da ist. Die Suche nach der eigenen Identität ist der rote Faden der Verwicklungen, die Einfluss auf Sal nehmen wollen. Sein schwuler Vater hatte ihn einst adoptiert. Seine geliebte Großmutter erkrankt erneut an Krebs. Leid und Tod. Freundschaft und Liebe. Und über allem die Frage: wer oder was ist meine Familie?

Nach seinem Erfolg mit „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ (Thienemann, 2014) hat es drei Jahre gedauert, bis Benjamin Alire Sáenz wieder im Jugendbuchbereich reüssiert. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ (Thienemann, 2017) beweist einmal mehr die meisterhafte Könnerschaft des Autors in diesem oft hämisch behandelten Genre. Jugendbücher sind noch immer allzu oft behaftet von dem Vorurteil, dass es „egal“ wäre, was Jugendliche lesen. Frei nach dem Motto: „Hauptsache die Jugend liest irgendwas!“ Benjamin Alire Sáenz führt eine derartige Respektlosigkeit der Jugend gegenüber wortreich auf literarischer Ebene ad absurdum. Denn auch im neuen Jugendroman des Autors fällt vor allem auf, mit welch großem Respekt er seine jugendlichen Protagonisten durch das Auf- und Ab ihrer Identitätsfindungskämpfe führt. Und eben diesen Respekt spürt sein Zielpublikum. Wovon auch zahlreiche Erwachsene viel lernen können.

http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/die-unerklaerliche-logik-meines-lebens-isbn-978-3-522-20236-7/

 

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#DasguteBuch: Proud to be gay – why? Aufschlussreiche Antworten auf Fragen der Identität

„Normal sein kann Homosexualität erst, wenn sie das Schamvolle und Skandalöse loswird, das die Mehrheitsgesellschaft ihr anhängt. Dazu müssen Homos sich als gewöhnliche Mitbürger*innen sichtbar machen.“ (Anja Kühnen, Seit 75)

Erst seit knapp 50 Jahren entfaltet sich eine Sozialisation homosexuellen Selbstbewusstseins, deren gesellschaftsverändernde Wucht ein Faszinosum historischen Ausmaßes zeigt. Minderheiten, die sich erfolgreich gegen Schlechterstellung auf sozialer, politischer und rechtlicher Ebene zur Wehr setzen, befreien sich von einem Kokon, den andere ihnen aufzwingen. Sie verlieren das allzu gebräuchliche Stigma der Minderwertigkeit. Minderheit ist nicht länger ein Synonym für diese Minderwertigkeit. Denn: in der Art wie mit Minderheiten umgegangen wird, beweist sich auch die Kompetenz moderner Demokratie.

Fragen zu dieser identitätspolitischen Entwicklung gibt es zur Genüge. Und es ist gut, wenn sie gestellt werden. Die beschämt vorgehaltene und heuchlerische Hand, hinter der man über Sexualität spricht und doch auch im gleichen Moment betont, dass man darüber nicht spricht, hat sich an ihrer eigenen Verbohrtheit die Knochen gebrochen. Endlich wird darüber gesprochen, dass im Begriff der „sexuellen Orientierung“ auch und vor allem die „Orientierung“ vorkommt. Kein Mensch will orientierungslos durch sein Leben stolpern. Egal, in wen er oder sie sich verliebt. Egal, mit wem er oder sie schläft.

Die Welt der Homosexualität ist eine Welt mit einer charakteristischen und starken Geschichte. Einer Geschichte, die erzählt werden will. Einer Geschichte, der zugehört wird. Diese Motivation des Zuhörens zeigt sich auch an einem kleinen aber feinen Büchlein aus dem Berliner Querverlag, in dem alle möglichen Fragen zur Homosexualität gestellt werden. Und kluge Antworten erhalten. Die eloquente Text-Sammlung ist eine Anthologie der Kolumne „Queer weiß das“, die im Tagesspiegel-Wochenendmagazin „Mehr Berlin“ erschien. Nach der Lektüre dieser geist- und aufschlussreichen Reflexionen weiß nicht nur queer das. Dann wissen es alle. Es gibt noch immer genügend gute Gründe sagen zu können: I am proud to be gay!

 

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ISBN: 978-3-89656-254-8

Im handlichen Geschenkbuchformat!

Erschienen im Querverlag, 2017:

http://querverlag.de/books/Heteros_fragen.html

 

 

 

#DasguteBuch: Held ist, wer die Provinz im Herzen überwindet – „Heldensommer“ von Roland Gramling

Nicht, dass die Pubertät, wenn sich die kindliche Idylle plötzlich verändert und der hässlichen Realität weicht, auch für Heteros nicht schon ziemlich beknackt wäre. Für Homos ist es sicherlich noch eine Ecke beschissener. (S. 72-73)

Der Protagonist in Roland Gramlings neuem Roman wird mit eben dieser Ecke konfrontiert. Denn Vergangenheit ist etwas, vor dem man zwar örtlich zu fliehen vermag, die aber dennoch nie verschwindet. Vergangenheit ist immer in uns. Sie macht uns zu dem, der wir heute sind. Ein Heute, das wir erst verstehen lernen, wenn wir uns selbst gut genug kennen.

Robert hat sein altes Heimatdorf im Spessart viele Jahre gemieden. Er lebt glücklich im von Freiheit und Lebenslust brodelnden Berlin. Bis er ans Krankenbett seiner Großmutter gerufen wird. Die Rückkehr in die alte Heimat bedeutet auch eine Rückkehr in seine Vergangenheit. Wo nicht nur seine kindlichen Glücksmomente aufflackern. Und die hart erkämpfte seelische Selbstvergewisserung versinkt im Schlamm jener vergessenen Dinge, die eben nicht vergessen sind.

Der Autor der Ackerpflaumenallee-Trilogie (alle ebenfalls Querverlag) reflektiert mit seinem neuen Helden über ein Sujet, das wir alle nachvollziehen können: der Weg zur Freiheit des eigenen Ichs ist lang und bleibt dennoch immer unser Ziel. Robert taucht in Erinnerungen über all jene Erfahrungen, die ihn zu dem gemacht haben, der er heute ist. Die guten wir die schlechten. Die Unschuld der Kindheit wie auch die Schuldgefühle der Adoleszenz. Und der ewige Kampf um uns selbst. Den andere mit uns führen.

Ob nun das reaktionäre Umfeld der Kindheit oder ehemalige Geliebte. Vergessen geglaubte Wunden beginnen wieder zu nässen. Dann müssen wir neu verheilen. Und weiter wachsen. Roland Gramling erzählt vom Abschiednehmen. Auf allen Ebenen. Und vermittelt dennoch ein Gefühl des Neubeginns. Die narrative Stimme des Helden stimmt aber auch zum Lied einer Generation an. Jener Generation, die ihr Coming out mühsam gemeistert hat. Und dennoch weiß, dass zur Vergewisserung des eigenen Lebens mehr gehört. Dies aber jede Anstrengung wert ist.

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#DasguteBuch: Das Porträt einer Unbeugsamen als Geschichte einer großen Möglichkeit – Joan Baez und ihre Stimme gegen Gewalt

Über Joan Baez zu lesen führt nahezu immer zur Lektüre einer großen Hoffnung. Einer Hoffnung, die weder die Künstlerin und Aktivistin selbst noch ihr Publikum ganz aufgeben wollen. Auch wenn sie immer wieder in weite Ferne rückt. Die Hoffnung auf eine Welt, die den Wahnsinn vielleicht doch irgendwann zu überwinden vermag. Dann beginnen wir zu verstehen, was Baez meint, wenn sie von kleinen Siegen und großen Niederlagen spricht. Siege und Niederlagen, die ihr künstlerisches und politisch-aktives Leben zur Genüge kennt.

Die 1941 geborene Sängerin war nämlich nie nur eine Stimme für ein paar Lieder, mit denen ein Publikum unterhalten werden wollte. Baez war immer auch die Stimme einer Generation, die alle Generationen seither zu begeistern vermag. Mit Nostalgie und glanzvoller Gegenwart, mit Idealismus und Pragmatismus, mit Sanftheit und Verve. Und mit einer Haltung, die sie nicht nur in ihrer Position als öffentliche Person untermauert. Einer Haltung, in der sie seit 1959 mit einer Überzeugung steht, der sie bis heute treu ist. Egal, wie viele Kritiker sich über ihren Gesang monierten. Egal, wie viele politische Kräfte von links und von rechts an ihr zu zerren versuchten.

Der promovierte Musikwissenschaftler und erfolgreiche Biograf Jens Rosteck (zuletzt etwa über Jaques Brel, 2016, und Edith Piaf, 2013) hat nun eine längst überfällige Biografie über Joan Baez geschrieben und die Hoffnung packt einen auch diesmal. Denn Joan Baez ist mehr als nur eine kulturhistorisch umnebelte Figur, die in Woodstock das Arbeiterlied „Joe Hill“ sang. Über jene Solidarität, die vor allem in der politischen Gegenwart so schmerzlich vermisst wird. Joan Baez ist nicht nur eine Heldin der amerikanischen Friedensbewegung, die das öffentliche Bild des Vietnamkrieges nachdrücklich zu verändern und auf diese Weise auch erfolgreich zu seinem Ende beizutragen vermochte. Joan Baez ist auch nicht nur jene Frau, die mit Literaturnobelpreisträger Bob Dylan künstlerisch und privat verbandelt war.

Joan Baez ist die Personifizierung einer großen Veränderung. Zu einer verbohrten Zeit, als das 20. Jahrhundert noch immer den konservativen Kopf in den Sand der Befreiung nach 1945 stecken wollte, trugen die Wellen des Folk Music Revivals sie auf internationale Höhen, von denen aus sie jenen ihre Stimme lieh, die keine Stimme hatten. Gesellschaftliche und politische Entwicklungen mitprägend, deren Ausmaß eigentlich kaum in Worte zu fassen ist.

Wenn etwa Staatspräsidenten wie Vaclav Havel bewundernd festhalten, dass ein Konzert von Joan Baez zu einem Schlüsselmoment für den Erfolg der Samtenen Revolution wurde. Wenn sie bereits in den frühen 1970er Jahren Lieder über und für ihr LGBT Publikum aufnahm, als der Befreiungskampf um Freiheit sexueller Identitäten noch in den Kinderschuhen steckte. Wenn sie 1993 in einer Straße in Sarajevo sang, um internationale Aufmerksamkeit auf die vom Krieg gebeutelte Stadt zu lenken.

Der Autor erzählt die fulminanten Siege der Joan Baez, ohne ihre Niederlagen zu ignorieren. Und malt dabei ein authentisches Bild über eben jenen Charakterzug, der in der Tat das künstlerische und politische Leben dieser Frau ausmacht. Ihre Unbeugsamkeit. Ob nun bei ihren internationalen politischen Aktivitäten oder als Liedermacherin. Auf den Bühnen der Welt. Im wahrsten Sinn des Wortes der ganzen Welt. Er schreibt in eleganter Prosa und präsentiert seine ausführlichen Recherchen mit einer mitreißenden Motivation. Auch wer bislang noch nicht zu den Fans von Joan Baez gehört, erlebt bei der Lektüre dieses Buches eine Hoffnung, die er oder sie wohl kaum glauben und dennoch glauben wollen wird. Wer in dieser Saison nur ein gutes Buch lesen will, kommt an dieser Biografie nicht vorbei.

 

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#DasguteBuch: Der globale Kampf gegen die Freiheitsunterdrücker – Queer Wars weltweit

Während in Deutschland eine Gleichstellung und somit auch rechtlicher Respekt in diesem Jahr erkämpft wurde, hat u. a. in Österreich eine parlamentarische Entscheidung im Sommer 2017 klar gemacht, dass Schwule und Lesben in der Alpenrepublik zwar ihrer Pflicht des Steuerzahlens nachzugehen haben, sie aber hinsichtlich ihrer Rechte weiterhin als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Dies ist ein aktuelles Beispiel von vielen, die verdeutlichen, um welchen Kampf es sich handelt, wenn von Queer Wars die Rede ist.

Angesichts der wenigen Jahrzehnte, in denen schwule, lesbische und transgender Menschen weltweit dazu in der Lage waren, um ihre Sozialisation und demgemäß um ihr Leben zu kämpfen, ist es bemerkenswert, mit welchen Erfolgen sich diese globale Bewegung inzwischen schmücken kann. Doch Schmuck ist nicht genug. Denn allzu oft wird (auch politisch motiviert) vergessen, dass Homosexualität noch heute in 78 Ländern gesetzlich verboten ist und in acht Ländern sogar die Todesstrafe auf Homosexualität verhängt wird.

Der religiöse Wahn letzten Endes aller Religionen in ihrer Heuchelei und in ihrem durch Machtlust getriebenem Sadismus versucht in galliger Regelmäßigkeit auf leisen und dreckigen Sohlen durch die Hintertür ständig möglicher Wiederauferstehung längst überwunden geglaubte Homophobie wieder salonfähig zu machen. Zumeist auf dem Rücken jener politischer Parteien, die schlussendlich von den Werten der Aufklärung nichts wissen wollen oder ihren genussvoll zelebrierten Rassismus instrumentalisieren (lassen), um Erfolge der LGBTI*Q-Bewegung schnellstmöglich rückgängig zu machen.

Den Autoren der vorliegenden Geschichte über „Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung“ ist es auf mitreißende Weise gelungen, diesem Kampf um menschenwürdige Sozialisation kurz und knackig mit akademischer Eloquenz Ausdruck zu verleihen. Sie werfen einen holistischen Blick auf die Errungenschaften der Befreiungsbewegung sexueller Identitäten. Als globalisierte Analyse eines Kampfes, dessen Ziel weit über die Frage hinaus geht, wer mit wem Sex hat. Freiheit als Grundelement einer modernen Gesellschaft wird nämlich von konservativen Gruppierungen auch heute immer wieder in Frage gestellt.

Was dieses Buch auszeichnet, ist das elegante Knüpfen analytischer Fäden eines weltweiten Netzes von Aktivitäten und Entwicklungen, ohne in den Tonfall sich selbst abschottender Wissenschaftseliten zu verfallen. In universitären Elfenbeinturmkämmerchen wurde noch niemand befreit. Wer für die Freiheit ist, muss auch etwas dafür tun. Nicht nur darüber reden. Dadurch verleihen die Autoren dem Kampf um die Freiheit sexueller Identität ein glaubwürdiges Gefühl der Macht. Einer globalen Macht. Einer Macht, um welche die LGBTI*Q-Bewegung oftmals beneidet wird. Einer Macht, der sich keinerlei kulturelle oder politische Prägung auf Dauer zu entziehen vermag. Einer Macht, die auf Solidarität fußt. Einer Macht, die ständig in Gefahr ist. Deshalb gilt auch eine unbedingte Empfehlung für das ultimative Sachbuch der Saison.

Aus dem Englischen von Hans Freundl

160 Seiten

ISBN 978-3-8031-3670-1

 

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#DasguteBuch: Hinter den Augen der Welt ist die Liebe frei

Wie traumhaft wäre es, eines Morgens neben Fynn zu erwachen.

Ein Traum. Doch nicht für den Tag bestimmt.

Vor dem Hintergrund der Geschichte ist die Liebe mehr als nur eine Geschichte. Nach diesem Motto erzählt der historische Roman „Hinter den Augen der Welt“ eine Liebesgeschichte nicht nur ob ihrer Aussichtslosigkeit und dem Widerstand dagegen. Hier geht es um eine Universalität.

Die Liebe zwischen Mary Grosvenor, Tochter aus gutem Hause, und Fynn, dem Stallburschen, der sich als Frau herausstellt, erlebt im England des 17. Jhd. eine Zukunftslosigkeit, der sich die beiden Protagonistinnen mit einer Vehemenz stellen, wie es nur Liebende tun. Die beiden erkämpfen sich ihre Gegenwart. Auf heimlichen Ausritten. In berührenden Momenten der Nähe.

Doch was sich mit einem fadenscheinigen Mäntelchen „gesellschaftlicher Normen“ umhüllt, stellt sich als Intrigen-Feuerwerk grenzenloser Heuchelei heraus. Was bis zu einem Hexenprozess führt. Egal, welche patriarchalen Machtstrukturen über Generationen hinweg Frauen unterdrücken – starke Frauen schreiben immer Geschichte. Dieser Eindruck begleitet einen bei der Lektüre dieser ganz besonderen Liebesgeschichte.

Tess Schirmer zeichnet sehr gekonnt klare Charaktere und präsentiert zwei Identifikationsfiguren der besonderen Art. Sie setzt sie vor einen exzellent recherchierten historischen Hintergrund und verleiht ihnen durch eine glanzvolle Authentizität narrative Flügel. Der Adel spricht dabei regelmäßig französisch (das die Autorin dankenswerterweise im Anhang übersetzt), das gemeine Volk immer wieder auch in der Umgangssprache.

Die Liebe ist zeitlos. Deshalb lieben wir die Zeitlosigkeit beim Erzählen von Geschichten. Dieser historische Roman bereitet eben diese Zeitlosigkeit mit einer sanft-poetischen Hingabe auf, die einen nicht mehr loslässt. Und wir leiden gern mit diesen Heldinnen der Liebe mit. Einer Liebe, vor der die Welt die Augen verschließt. Schön, dass die Autorin der Welt die Augen zu öffnen versucht.

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#DasguteBuch: Der Funke Prinzessin, der in jedem Prinzen schlummert – „Prinzessin Hannibal“ hält Hof

Die Geschichte eines Prinzen, der lieber eine Prinzessin sein möchte, ist die Geschichte eines Außenseiters, der eigentlich kein Außenseiter ist. Sondern eine Prinzessin. In einer bezaubernden und kindgerecht präsentierten Selbstverständlichkeit schildert dieses Bilderbuch einen Kampf um Identität, der kein Kampf sein muss. Wir machen ihn zum Kampf. Das hat aber mit uns zu tun. Und nichts mit der Prinzessin. Die eigentlich ein Prinz ist. Der viel lieber eine Prinzessin sein will.

Hannibal ist der Held und die Heldin dieser Geschichte gleichermaßen und führt mit einer ausnehmend fröhlichen Motivation Geschlechterklischees ad absurdum. Denn die Schubladen, in die wir uns gegenseitig stecken, gibt es gar nicht. Die Märchenimpulse, die der Geschichte von Prinzessin Hannibal kunstvolle Feinschliffe verpassen, lassen dem kindlichen (und hoffentlich auch erwachsenen) Publikum uralte Stoffe in ganz neuem Licht erscheinen. Und dennoch völlig normal.

Die sanften Illustration in teils kühlen Blautönen lassen realistischer Glaubwürdigkeit durch melancholische Einwürfe genügend Raum. Dennoch ist da auch das freudvolle Rot. Wenn Hannibal seine Schwestern zum Prinzessinnen-Dasein befragt. Und wenn Prinzessin Hannibal ihr Prinzessinnenkleid anzieht. Ein modernes Buch mit traditionellen Elementen. Ein ernstes Thema mit pädagogisch wertvollster Lebensfreude präsentiert. Herrlicher Lesestoff für Kinder und Erwachsene, für Hirn und Herz.

Erschienen im Luftschacht Verlag, 2017

https://www.luftschacht.com/produkt/prinzessin-hannibal-melanie-laibl-michael-roher/

 

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#DasguteBuch: Die Liebe eines Kindes und die Politik des Hasses – „Väterland“ von Christophe Léon und die Angst vor einer glücklichen Familie

„Was ist das, eine Familie? Ein Mann, der seine Frau schlägt, der sein Kind quält? Nein, ehrlich, das soll ein bewundernswertes Modell sein?“

 

Die dreizehnjährige Gabrielle liebt ihre Eltern über alles. Diese sind seit fünfzehn Jahren miteinander verheiratet und haben Gabrielle adoptiert. Ihre Alltagsreflexionen erzählt Gabrielle in der Sprache eines freudestrahlenden Kindes, das in seiner Familie Geborgenheit erfahren darf. Durch ein neues Gesetz wird die glückliche Familie stigmatisiert, systematisch verfolgt und in ein Ghetto gezwungen. Gabrielles Eltern dürfen keinen Beruf mehr ausüben und das Ghetto nicht verlassen. Als sie ihrer geliebten Tochter ein Geburtstagsgeschenk machen wollen, riskieren die beiden alles.

Was wie eine Geschichte aus der Nazi-Zeit anmutet, ist vielmehr eine Jugendbuch-Dystopie, deren sozialer und politischer Realismus einem beim Lesen durch Mark und Bein fährt. Gabrielles Eltern sind nämlich zwei Väter. Dem Autor gelingt eine selten glaubwürdige Verschmelzung narrativer Zeitebenen. Er entwirft ein Szenario, das zu den feuchten Träumen vieler rechtskonservativer Familienbekämpfer gehören dürfte. Hart erkämpfte Freiheiten, die ganz plötzlich wieder verloren gehen. Dadurch wird die Zukunft der Handlung in der Gegenwart des Lesens zu einem allzu schmerzhaften Ausflug in die Vergangenheit.

Auf diese Weise lernt das jugendliche Zielpublikum (und die nicht minder wichtigen erwachsenen Leserinnen und Leser) äußerst authentisch, wie und warum Faschismus funktioniert. Eine Lektion, die auch unabhängig vom immer noch andauernden Kampf glücklicher Familien um ihr Existenzrecht und ihre Gleichberechtigung funktioniert. Wer sich gegen die rechtliche Gleichstellung queerer Familien stellt, wird bei der Lektüre dieser unglaublich spannend geschriebenen Geschichte enttarnt. Ohne Zeigefinger. Ohne pseudo-intellektueller Schein-Finesse. Ohne politische Ideologie. Nur durch eine Geschichte. Eine Geschichte, die unsere Gegenwart ganz dringend nötig hat. Literatur für Hirn und Herz! Für jede öffentliche Bibliothek! Für möglichst viele Schullektüre-Projekte! Für alle!

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Jugendbuch

Taschenbuch

 

116 Seiten

€ 9,90 (D) / € 10,20 (A)

 

ISBN 978-3-95854-095-8

 

Weitere Informationen:

 

https://mixtvision.de/buecher/vaeterland/

 

 

 

#DasguteBuch: Der schöne Schein und das scheinbar Schöne – Edmund White befragt „Die Gaben der Schönheit“

Die vielschichtige Beziehung zwischen Europa und Amerika artikuliert sich immer wieder auch in Biografien literarischer Grenzgängerinnen und Grenzgänger wie etwa Henry James oder Edith Wharton, F. Scott Fitzgerald oder Gertrude Stein. In diese Reihe renommierter Namen von weltliterarischem Rang aus dem 19. und 20. Jahrhundert darf sich Edmund White gelassen für den Wechsel vom 20. ins 21. Jahrhundert einreihen. Er gilt zurecht als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller und hat lange in Europa gelebt und gearbeitet. Unter anderem hat er sich einen Namen als Biograf europäischer Kulturgrößen wie Marcel Proust, Jean Genet oder Arthur Rimbaud gemacht.

In seinem neuesten Roman präsentiert er eine Figur, die sich ebenfalls als Grenzgänger geriert. Guy entstammt der industriellen Provinz Frankreichs und reitet in den späten Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf dem Rücken verschiedener Zufallsbekanntschaften und seinem einzigartig guten Aussehen als Model in die höchsten Höhen der Pariser Modewelt. Selbst der viel zitierte Sprung über den großen Teich funktioniert für ihn mit tänzelnder Leichtfüßigkeit. Der wichtigste Akzent, den Guy dabei quasi als moderner Dorian Gray zu setzen vermag, ist die Betonung seines jugendlichen Aussehens. Wieder und wieder.

Der Autor, der viele Jahre für die Zeitschrift Vogue tätig war, vermag in seinem abwechslungsreichen Roman die Kollektivneurose Jugendwahn mit spitzer Feder und dennoch sanfter narrativer Finesse aufs Korn zu nehmen. Dabei bewegt er sich erzählerisch mit anmutigen Schwüngen am Steilhang der AIDS Krise herunter. In seinen Kurven wirbelt er nur so viel satirischen Schnee auf, dass seine Abfahrt nichts an sportlicher Lässigkeit verliert. Ob Guy dabei als Held oder Anti-Held interpretiert werden kann oder soll, überlässt er sehr geschickt dem Urteil seines Publikums.

Die Amouren des schönen Guy tanzen wie gut einstudierte Choreografien vor dem Hintergrund der Geschichte vorbei. Auftritt Liebe, Applaus und Vorhang. Wieder und wieder. Wie glaubwürdig diese Tänze sind, lernen alle seine Liebhaber auf ihre jeweils eigene Weise. Gerne leidet man mit diesen Apologeten der Schönheit mit. Edmund White knüpft seine von eleganter Sprache getragene kunstvolle Reflexion über die Schönheit mit geistreicher Feder zu einem großen Roman über die Glaubwürdigkeit. Dabei vermag er auch und vor allem mit fulminant gut gelungenen Dialogen zu überzeugen, die einen laut auflachen lassen. Weltliteratur vom Feinsten. Unbedingt empfehlenswert!

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Erschienen im Albino Verlag, 2017

http://albino-verlag.de/produkt/die-gaben-der-schoenheit

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